High Tech vs Oldschool?

High Tech vs. Oldschool?

Wenn man anfängt, so ging es mir zumindest, greift man meistens zu eher schlichter Ausrüstung, ganz einfach deswegen, weil sie sehr preiswert ist. Oftmals hat das zur Folge, dass man einiges doppelt kauft, auch die Erfahrung habe ich machen dürfen. Bei manchen Dingen kann man durchaus sparen, bei manchen eher nicht. Die Schuhe stehen da ganz oben, wenn es darum geht nicht zu sparen. HIER gibt es auch nochmal einen Artikel über eine Bushcraft Grundausrüstung für knapp 100€.

Man sagt ja gerne wer billig kauft, kauft zweimal, doch dem würde ich nicht ohne Vorbehalt zustimmen. Manche Dinge habe ich für ein paar Euro gekauft und schon seit einigen Jahren in Verwendung, es kommt also immer ein bisschen darauf an. Vieles muss man einfach testen, jeder hat schließlich andere Ansprüche und Bedürfnisse. Mein erster Poncho hat 4 Euro gekostet, mich 4 oder sogar 5 Jahre über begleitet, wurde zu allem möglichen zweckentfremdet und erst als zweistelliger Dauerfrost nach besagten Jahren das Material hat Spröde werden lassen, kam der erste kleine Riss. Ich habe den Poncho daraufhin durch einen Anderen ersetzt und wünschte mir, einfach den Riss geflickt zu haben, denn alle daraufhin gekauften Ponchos (zwei davon ziemlich teuer), waren Schrott! Mittlerweile nutze ich den arg schweren aber wenigstens robusten BW Poncho, denn mein letzter (der dritte oder vierte nach dem „guten Alten“) ist mir am vergangenem Wochenende beim ausziehen in zwei Teile gerissen – gut dass das daheim war und nicht unterwegs!

Aber zurück zum Thema. Oft holt man sich nach und nach hochwertigere Ausrüstung, High Tech und Co finden Einzug in das willige Wandererherz. Die Werbung macht es einem leicht, legt einem dieses oder jenes ans Herz, damit man für jede Expedition gerüstet ist, auch wenn es nur ein Wochenendspaziergang wird… Besondere Materialien, die sehr leicht, oder sehr Atmungsaktiv oder sehr multifunktional, aber auf jeden Fall sehr teuer sind. Auch hier gilt, bei manchen Sachen ist der Preis durchaus angemessen, aber das ist nicht immer notwendig. So habe ich eine Wasserfeste Hose, auf die ich schwöre, die aber unverschämt teuer ist. Trägt sich wie eine normale Hose, hat robusten Außenstoff und eine wasserfeste Membran ist super atmungsaktiv selbst im Sommer. Würde ich mir immer wieder holen, trotz des Preises! Hält nun aber auch schon einige Jahre, da relativiert sich dann auch der Preis langsam.

Nachdem ich eine ganze Weile auf dem High Tech Trip war, bin ich, mit steigender Erfahrung, wieder ein wenig in Richtung Oldschool gewandert und denke, ich habe eine gute Mitte getroffen. Und wie meistens im Leben ist ein gesunder Mittelweg der goldene.

Wer in Richtung Ultraleicht will (Grundgewicht der Ausrüstung ohne Wasser und Nahrung unter 5KG), der wird um High Tech schwerlich herum kommen, das ist ganz klar (oder ist sehr sehr minimalistisch unterwegs, das geht auch). Wenn einem aber nicht jedes Gramm wichtig ist, dann sieht das schon wieder anders aus. Das Gewicht meiner Grundausrüstung beträgt, alles zusammen, etwa 9KG. Ich finde das schon ziemlich leicht und wenn ich da an die Tour durch Schweden denke im letzten Jahr, dann hätte ich mir mein jetziges Setting gewünscht.

Ich brauche nicht zwingend Titan Töpfe. Natürlich sind die bedeutend leichter, aber muss das sein? Edelstahl ist sehr robust und um längen Preiswerter! Manchmal ist Titan aber praktisch, ohne Frage. Dann die Sache mit dem Tarp. Ich brauche für mich selber kein besonderes Tarp, mir reicht eine robuste Baumarktplane, für ein zehntel oder weniger des Preises. Ich habe mir eine 1,5×2,0m Plane für 1,99€ gekauft. Die wird über zig Jahre hinweg ihren Dienst tun, ebenso wie die 3x2m Plane die ich vorher genutzt habe und noch weiter nutzen kann wenn ich eine größere Plane mitnehmen möchte.

Ist ein Tarp „besser“? „Na klar“, es ist schließlich genau für diesen Zweck gemacht, es ist leicht dehnbar, dadurch lässt sich besser Spannung aufbauen, hat extra Abspannpunkte die genau für diesen Zweck gemacht und angebracht wurde und dergleichen mehr. Bewältigt eine Plane die Aufgabe genauso? Japp, ohne Probleme! Nur das sie dabei robuster ist und ich sie einsetzen kann, wie ich es möchte. Sollte sie tatsächlich mal Schaden nehmen, hat sie maximal 2-6€ gekostet und keine 80€ oder mehr. Da relativiert sich das „Besser“ schon wieder meiner Meinung nach. Die Plane hat  mich noch nie im Stich gelassen und ich habe sie immer gut aufbauen können um mich zu schützen. Ich erinnere mich an einen Fall, wo mein Wanderkumpel und ich eine Schutzhütte bei ziemlich starkem Wind und zweistelliger Minusgerade abdichten mussten um darin die Nacht verbringen zu können (wir hatten Sommerschlafsäcke dabei, das war ein kleines Experiment). Sein sehr teures ultraleicht Tarp hat uns zwar die Nacht gerettet (und vielleicht sogar die Haut?!) aber es ist dabei selber leider auf der Strecke geblieben und wurde an mehreren Stellen zerrissen. Bei einer Plane wäre das nicht passiert, da sie deutlich(!) robuster ist und selbst wenn, bei dem Preis einer Plane tut es nicht so sehr weh! Man sieht, es kommt einfach auf den Zweck an. Ich habe mich immer für die Plane entschieden, lange ein Tarp besessen und ein paar Mal getestet, aber letztlich immer wieder die Plane gewählt.

Mein nächstes Lieblingsthema sind die Regenjacken. Ich habe für Jacken schon mehr Geld ausgegeben als mir lieb ist, nur um wieder zum robusten und funktionierenden zurückzukehren! Viele Moderne Produkte/Materialien werben mit Atmungsaktivität, aber die Atmungsaktivität funktioniert nur bedingt, und hängt immer(!) von der Außentemperatur ab und von dem Grad der Anstrengung sowie der dadurch produzierten Hitze/Feuchtigkeit des Körpers. Sie sind nicht wirklich robust, sei es gegen Funken, sei es gegen die Riemen des Rucksackes und das regt mich besonders auf. Das man seine Ausrüstung pflegt, das versteht sich von selbst, aber ich möchte sie benutzen, möchte mich auf sie verlassen können und nicht wie ein rohes Ei behandeln müssen. Kauft man besagtes High Tech Equipment und möchte, dass es dabei auch noch robust ist, dann zahlt man dafür so viel, wie andere für ihr erstes Auto! Deswegen bin ich mittlerweile ein großer Fan von Oilskin Jacken und Mänteln. Auch wenn sie als Wasserabweisend verkauft werden, was rechtliche Grüne hat, dieses Material ist dicht und dazu folgt nochmal ein ganzer Artikel, weil ich wirklich begeistert bin.

Wie schon gesagt, der Mittelweg macht’s. Ich liebe meine NeoAir. Eine recht teure, extrem leichte Luftmatratze, aber sie wiegt nichts, hat minimales Packvolumen und ist so gemütlich wie mein Bett, vielleicht sogar gemütlicher. Die würde ich mir immer wieder holen. Notwendig? Nein. Luxus? Auf jeden Fall! Und ein Luxus, den ich mir auf längeren Touren (ich habe sie nicht immer dabei) gönne und mir damit die Nacht bedeutend versüße 🙂 Vertraue ich ihr? Nein, aber das ist eine Kopfsache. Habe sie seit gut 5 Jahren im Einsatz und sie hat immer ihren Dienst getan, musste noch nie geflickt werden, dennoch habe ich immer auch eine dünne Evazote dabei. Zum einen als Schutz für die Neo Air, denn die lege ich darauf, zum Anderen als Schutz für mich. Sollte die Neo Air doch mal ein Loch bekommen, und sowas passiert IMMER mitten in der Nacht, dann habe ich wenigstens weiterhin eine gewisse Isolation von unten. Wenn man Nachts im Wald ist, hat man manchmal weder die Muße noch die Möglichkeit die Neo Air zu flicken.

High Tech vs. Oldschool? Eigentlich sollte es kein versus sein, denn gemeinsam ergänzt sich beides hervorragend. Es muss nicht alles High Tech sein, ebenso ist High Tech nicht immer unnütz, überteurt und „böse“. Gerade bei einer Kombination kann man seine Finanzen auch auf gewisse Dinge fokussieren. Wenn ich für ein Tarp nur 8€ statt 80€ ausgebe, kann ich das Geld vielleicht lieber dem Budget für gute Schuhe hinzufügen und vielleicht doch das bessere Modell holen. Alles was den Komfort betrifft ist natürlich höchst individuell. Ich habe beim Schlaf jedenfalls gemerkt, dass ich da auf einen gewissen Luxus und Komfort nicht verzichten will. Ich habe genug Nächte auf einer einfachen 0,5mm Iso Matte verbracht. Das geht auch, natürlich, aber man schläft bei weitem nicht so gut, wie auf einer mit Luft gefüllten Matte, ich zumindest nicht. Mir ist der Schlaf wichtig, denn umso ausgeruhter und fitter bin ich am nächsten Tag und das wertet für mich die Tour auf – ich kann sie besser genießen als wenn ich schon gerädert aufstehe. Wenn man dieses Bedürfnis nicht hat, kann man sich eine Evazote für wenig Geld holen, statt einer Luftmatratze für viel Geld, und wieder kann man das Geld auf etwas, was einem persönlich wichtig ist (vielleicht will jemand unbedingt ein Zelt, weil „open Air“ ihm/ihr nicht geheuer ist) fokussieren etc. etc.

Will man ganz „naturell“ unterwegs sein, braucht man nur ein Messer und vielleicht ein Feuerstahl, oder ein Stück Schnur. Man hat also immer die Möglichkeit das für sich passende zu finden. Man sollte nur weder das eine, noch das andere verteufeln, denn beides hat seine Berechtigung.

Es gibt da einen Gaskocher, mit dem kann man sein Handy direkt aufladen. Mein Handy ist zu 99% des Tages aus und ich empfinde das als angenehm. Für den Notfall habe ich es dabei und wenn es aus ist, verbraucht es kaum Energie. Für jemanden, der auch unterwegs oft das Handy braucht weil er seinen Kindern schreiben möchte, seine Reise direkt posten will (was viele ja gerne tun) etc., ist dieser Gaskocher eine super Sache. So kommt es halt wie immer im Leben auf den Blickwinkel an. Ich will hier also auch weder etwas empfehlen, noch von etwas abraten. Man sollte sich die Dinge einfach nur zweimal anschauen. Hält das High Tech wirklich, was es verspricht oder reicht vielleicht was einfaches ohne ein Verlust der Funktion, aber genauso umgekehrt sollte man die Überlegung anstellen bei dem einen oder anderen vielleicht ein paar Euro mehr auszugeben statt am falschen Ende zu sparen.

In diesem Sinne

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